Torino: auf Entdeckung des Jugendstils

Torino

Torino (To)

Scalone Liberty
Scalone Liberty

Eine neue künstlerische Bewegung betraf zwischen Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Architektur und die angewandten Künste. In Frankreich hieß sie Art Noveau, in Deutschland Jugendstil, in Österreich Sezessionsstil, in Großbritannien Modern style. In Italien nannte sich der Stil „Liberty“ und verbreitete sich mit der Ausstellung von Torino im Jahr 1902. Der neue Stil, der Architektur, Malerei und Bildhauerei sowie alle Gegenstände des täglichen Lebens einbezog, eroberte die Stadt. Blütenmotive, delikate Ranken, Pflanzen, Reben, Gesimse wurden zum Wahrzeichen des Bürgertums, das die Modernisierung der Stadt lenkte. Der exzentrische Jugendstil mit seinen eleganten Windungen konnte sich dank der Arbeit des Architekten Pietro Fenoglio behaupten, der einen ganzen Stadtteil, die sogenannte Via di Francia neu anlegte, die von Piazza Statuto nach Rivoli führte. Hier plante Fenoglio neben dem Villino Raby (Corso Francia 8) zahlreiche Gebäude, indem er die Linearität der Rahmen aus Steinzement mit der Eleganz der Dekorationen verband, wobei die neuen Techniken der industriellen Produktion – Eisen, Glaszement – auf gewagte Strukturformen angewandt wurden. Ein Beispiel dafür ist das Haus “La Fleur” (Via Principi d’Acaja, Ecke Corso Francia), das der Architekt für sich selbst entwarf und ein Vordach in Form eines durch das Steinzement- Motiv hervorgehobenen Blütenkelchs aufweist. Das Gebäude besitzt einen höheren Eckturm und unterschiedliche Balkone, sowie Fenster mit farbigen Scheiben und Blütenmotiven aus Schmiedeeisen. Die Dekoration der Außenwände ist in den hellen, für den Jugendstil typischen Farben gehalten: grün, rosa und hellblau. Ein wahres Delirium von Erkern ist die im Jahr 1903 von Giovan Battista Benazzo entworfene Casa Tasca (Via Beaumont 3). Erwähnenswert sind auch die drei Häuschen (Via Piffetti) von Giovanni Gribodo, die für ihre schmiedeeisernen Arbeiten, die Pfauenschwanz- und Blütendekorationen und die charakteristischen Sphinxen berühmt sind. Jugendstil- Beispiele sind auch Palazzo Maffei in Corso Montevecchio 50, und einige Paläste in Corso Galileo Ferrarsi und Corso Re Umberto, die wegen ihrer schmiedeeisernen Arbeiten, der farbigen Fenster und der phytomorphen Motive charakteristisch sind. Dazu kommt Villa Javelli (Via Petrarca 44), ein Werk von Raimondo D’Aronco, der auch die Hallen der Ausstellung für moderne Dekorationskunst im Parco Valentino im Jahr 1902 entworfen hatte. Das Meisterwerk des Turiner Jugendstils ist jedoch die von Pietro Fenoglio entworfene Villa Scott (Corso Giovanni Lanza 57): ein Delirium von Loggias, Türmchen, Erkern und Fenstern mit abstrakten oder naturalistischen Dekorationen, das Dario Argento als Location für seinen Film “Profondo rosso” wählte. Nicht zu vergessen ist abschließend auch das erste Fiat- Werk in Corso Dante 10, Ecke Via Marochetti 1, wo das Kürzel FIAT von Blütenmotiven umrankt ist, die sich an den Fensterrahmen und entlang den Gittern wiederholen.
Ein weiteres, außerordentliches Beispiel für den Jugendstil- Geschmack ist das Caffé Mulassano in Piazza Castello 9. Es wurde von Antonio Vandone entworfen und zeigt eine Kassettendecke aus Holz und Leder, mit Spiegeln und Boiserie verkleidete Wände, eine Theke mit Onyx- Aufsatz und Bronze- Dekorationen, die von den besten Handwerkern der Zeit realisiert wurden. Genau daneben befindet sich ein weiteres, historisches Café von Torino, Baratti & Milano in Piazza Castello 29, das mit einem imposanten Marmor- Rahmen mit Basreliefs aus Bronze auf den Laubengang hinausgeht. Das Innere ist sehr reich dekoriert: eingelegter Marmor, Decken mit Rosetten und vergoldeten Stuckarbeiten, reich bearbeitete Rahmen und Türrahmen. Bedeutungsvoll ist die Lage an der Galleria Subalpina, die sich an den Pariser “passages” inspiriert und zusammen mit der Galleria San Federico ein weiteres architektonisches Schmuckstück aus jener außerordentlichen Epoche darstellt.

Datum letzte Aktualisierung: 10/02/2012

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