Die Langhe der Autoren
Alba, Bossolasco, Bra, Canelli, Castino, Cuneo, Murazzano, San Benedetto Belbo, Santo Stefano Belbo, Villadeati, Vinchio
Santo Stefano Belbo (Cn)

Cesare Pavese
Wenn man einen Amerikaner fragt, wo die Langhe sind, wird er darauf vielleicht keine vollständige Antwort geben können, aber mit Sicherheit weiß er, dass es das Land des Barolo und des Nebiolo, des Barbaresco und des Dolcetto ist. Bedeutende Rotweine, die man zum weißen Trüffel trinkt, heute ein „Must“ nicht nur für Gerard Depardieu, sondern auch für diejenigen, die ihn noch nie gekostet haben. Die Langhe sind ein Reiseziel, auf das ein Weingastronomie- Tourist nicht verzichten kann, aber auch ein Zeil für diejenigen, die die Geschichte und die Kultur anhand der Landschaft entdecken wollen. Eine Landschaft, die in ihrer Gesamtheit eine Entdeckung und Wertschätzung verdient, die Geographie mit Gedächtnis, Materialkultur mit Literatur verbindet. In diesem Meer von Hügeln, die sich zwischen Cuneo und Savona aufeinander folgen, wurden große Schriftsteller der „Provinz“ wie Cesare Pavese, Beppe Fenoglio, Davide Lajolo und Giovanni Arpino geboren und haben hier ihre Geschichten angesiedelt. Schriftsteller des „Grenzlands“, die verschiedenen Generationen angehören und in den Langhe – die der gute Amerika- Kenner Pavese als sein „Middle West“ bezeichnet- die Wurzeln ihres Lebens verankern, wo sie den harten Kern der bäuerlichen Identität erkennen, den zähen Stolz derjenigen, die den Boden bestellen.
Wenn man mit dem Zug zu dem kleinen Bahnhof von Santo Stefano Belbo gelangt, wo 2008 das hundertste Geburtsjahr von Cesare Pavese gefeiert wurde, kann man das Geburtshaus des Schriftstellers besichtigen, ebenso wie die Werkstatt seines Freundes, des Schreiners und Musikers Nuto. In diesem Tal, das heute so verschieden ist von den Bildern, die uns Pavese in “Junger Mond” hinterlassen hat, ist nur wenig geblieben: ein paar Häuser, der Belbo, der noch immer die beiden Hügel Gaminella und Salto trennt, und wo Pavese als Junge badete, und Canelli, der Anfang einer Welt, die nichts mit dem Saatplan zu tun hatte: die Stadtwelt. Im Unterschied zu Pavese, blieb Beppe Fenoglio, Autor eines der schönsten italienischen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, “Das Geschäft mit der Seele”, sein Leben lang an Alba, seine Heimatstadt gebunden. Nach ihren roten Dächern und dem fahlen Licht, das alles einhüllte, sehnte sich der Partisan Johnny während er in den Wäldern kämpfte, die ihn fern hielten. Der Tanaro, Murazzano, San Benedetto Belbo, Bossolasco sind für Fenoglio die Orte seiner Kindheit, aber auch die Szenerie, in der sich seine Geschichten abspielen. Die Langhe sind für Fenoglio der Mythos, die Wurzeln, das Land. Auf den Hügeln der Alta Langa zwischen San Cassiano und San Bovo di Castino entwickelt sich das politische Bewusstsein von „Partisan Johnny”, dem Hauptvertreter des Partisanenwiderstands. Dort nimmt jedoch auch die Unruhe einer ganzen Generation Form an. Jener Generation gehört auch Davide Lajolo an, Pavese’s Freund, der von Vinchio Monferrato – wenige Kilometer von Villadeati entfernt, wo die Familie Feltrinelli zu Hause war – nach Montecitorio gelangte, wo er Literatur und politisches Leben miteinander vereinigte. Er war eng gebunden an sein Heimatgebiet, an den Pfirsichbaum auf Fels von San Michele, die Wiesen von Settefiglie, die Wälder von Sermassa, die zusammen mit seinem Geburtsort zum Kern der Inspiration seiner literarischen Produktion wurden. Aus den Langhe, genauer gesagt aus Bra stammt auch Giovanni Arpino, ein unruhiger, scheuer Schriftsteller, dessen Arbeiten sich zwischen Sportjournalismus und Literatur abwechseln. “Schreiben ist nicht wie Malen oder Fresken Malen, sondern wie meißeln. Ich fühle mich nicht wie ein Maler, sondern wie ein Bildhauer”. Arpino lebte abgeschieden und hinterließ eine Spur von Werken, die von “La suora giovane” (Die junge Ordensschwester) über “Il buio e il miele” (Das Dunkel und der Honig) bis zum letzten “Passo d’addio” (Schritt des Abschieds) führt.
Unterschiedliche Autoren und Geschichten, die trotz des zeitlichen Abstands ein gemeinsames Merkmal haben: die Zugehörigkeit zu einem harschen Land, das mit Mühe und Schweiß von würdigen und stolzen Männern und Frauen bestellt wird. Die Route durch die Langa ruft den Gedanken wach, dass die Orte der seelischen Geographie dieser Schriftsteller noch heute ein kollektives Gedächtnis darstellen, die nicht nur nicht vergessen werden darf, sondern aufgrund einer Bildungsreise von einer Lesergeneration an die nächste weitergegeben werden soll.
Datum letzte Aktualisierung: 12/01/2010






